Kraftwerk Trophy 2006
12.- 13. Mai 2006

Die Sonne beginnt aufzugehen, der Morgen ergraut und allmählich kommt träges Leben in den Campingplatz, dem Fahrerlager der Kraftwerk-Trophy.

Es ist DAS 24-Stunden Rennen in Österreich, die zum dritten mal ausgetragene „Austrian Championships“, hier starten viele internationale Spitzensportler und Extremsport-Profis.
Ich spaziere in meinen Boxer-Shorts über den Platz und beobachte die ambitionierten und leicht hektischen Vorbereitungen. Mein erstes Tagesziel ist die Dusche, denn ich will mir vor dem Start noch schnell die Beine rasieren, das vergesse ich im Vorfeld immer.
Wer mit einem behaarten Wadl am Start steht, wird von vornherein missmutig betrachtet. Das möchte ich mir ersparen.
In meinem 1978er Mercedes Campingbus werde ich von meiner Freundin Marlene massiert und gehe in Gedanken noch einmal das Rennen durch. Ich denke an alle vergangenen Trainings und Wettkämpfe, an meine Zukunftspläne, und an die Zeit, die ich in meinen Sport investiere. Mir ist mein Ziel für heute ganz genau klar, und ohne angeberisch oder unrealistisch zu sein, weiß ich, dass ich Dritter werden kann und will. Die beiden Slowenen sind unantastbar, aber dahinter ist alles möglich. Als härtesten Konkurrenten erwarte ich persönlich Thomas Stindl, von den anderen starken Fahrern weiß ich, dass sie flache Rundkurse nicht gern haben oder öfter als ich pausieren.
Mit aller Ruhe stelle ich mich an den Start und warte bis es endlich losgeht. Zu Beginn ist das Tempo natürlich enorm hoch, aber ich bleibe dran. Runde um Runde verlieren Fahrer den Anschluss, bald lasse auch ich reißen. Es sind noch einige Einzelfahrer in der Spitzengruppe, aber das ist mir egal, meine Taktik habe ich anders ausgelegt. Bei der ersten Überrundung, hängte ich mich sofort wieder rein. Der Schnitt beträgt circa 45km/h, wobei nach jeder Kurve ein Loch im Feld entsteht, was zugefahren werden will. Das bedeutet jede zweite Minute voll hinhalten, um von 20 auf 45km/h zu beschleunigen. Durch die vielen 12 Stunden Fahrer, die noch im Feld waren, war es sehr hektisch.
Die Fahrer mit ihren Auflegern und Aero-Laufrädern hatten teilweise ihr (unangebrachtes) Material nicht im Griff, waren anfällig für Seitenwind und nervös waren die meisten sowieso. Deswegen kam es auch zu einem Sturz kurz vor dem Ziel. Zwei Typen verhedderten sich und stürzten direkt vor mir. Thomas Stindl, ich und noch einige andere waren in den Sturz verwickelt. Schürfwunden, ein verbogener Lenker und ein kaputter Sattel waren das traurige Ergebnis. Aber mit neuen Klamotten und Bandagen konnte ich nach zwei versäumten Runden ganz gut weiterfahren.
Zu dieser Zeit war ich mit einem Schnitt von 41,7km/h schon Dritter gewesen, nach dem Sturz fiel ich kurz auf Platz fünf zurück.
Meine Taktik ging voll auf, denn alle Fahrer die anfangs so lange in der Spitzengruppe fuhren, waren jetzt schon leer. Ich nahm früh genug das Tempo heraus, war jetzt aber noch immer super drauf.
Die Nacht lief einfach perfekt, ich war fast die ganze Zeit in der Spitze. From „dusk till dawn“ verlor ich nur zwei Runden auf die beiden Slowenen. Immer wieder motivierte ich mich selbst das hohe Tempo mitzugehen, obwohl der innere Schweinehund und die Müdigkeit dagegen protestierten. Wenn ich sah, dass andere Fahrer, die um die vorderen Plätze fuhren, abreißen ließen, blieb ich noch dran. Die Gedanken, dass ich genau jetzt einen Vorsprung auf sie herausfahre, verliehen mir Flügel. Zu dieser Zeit war ich schon sieben Runden vor Stindl Thomas, meinem schärfsten Konkurrenten, und ich fühlte noch immer keine Schwäche in meinen Beinen.

Als der Morgengrauen und die ersten Sonnenstrahlen den müden Fahrern wieder etwas Energie zurückbrachten, passierte in meinem Körper etwas, das mich total irritierte. Ich bekam Knieschmerzen, die von Runde zu Runde stärker wurden. Noch nie hatte ich im Wettkampf oder im Training irgendwelche Gelenksschmerzen, ich wusste nicht was das genau war. Auf jeden Fall waren die Schmerzen zum Schluss hin unerträglich, und ich konnte keinen runden Tritt mehr tun. Der Druck aufs Pedal war gleich null, ich bewegte mich nur mehr durch nach oben ziehen des Pedals weiter, aufstehen um den aufgeriebenen Hintern zu entlasten war unmöglich. Sogar die älteren Mädels überholten mich! Ohne die herzlichen Zurufe von Marlene, meinem Bruder und meinem Cousin wäre es wohl anders ausgegangen, aber so hielt es mich auf der Strecke und mein dritter Platz war knapp gerettet.

Der zur Zeit dominierende Jure Robic (aktueller „Race across America“- und „LeTourDirect“ Sieger) und sein ähnlich starker Landsmann Marko Baloh siegten ex aequo mit neuem Weltrekord.
Drei Runden betrug mein Vorsprung auf Thomas Stindl, dem Drittplatzierten des vorjährigen XXAlps. Dahinter war der britische RAAM - Finisher Christopher Hopkinson auf Platz fünf.

1.   Jure Robic / Marko Baloh                     976,45 km
2.   Marko Baloh                                        976,45 km
3.   Christoph Strasser                                874,74 km
4.   Thomas Stindl                                       860,40 km
5.   Christopher Hop
kinson                         836,50 km

Die 12 Stunden Wertung ging an Wolfgang Fasching vor Valentin Zeller und Franz Venier.

Ich habe wieder einmal ein Ziel erreicht! Ein Hauptgrund dafür ist sicher mein Wille und meine mentale Herangehensweise an solche Rennen. Mit der richtigen Einstellung kann ich mittlerweile einen Formhöhepunkt auf den Tag genau „timen“, und dadurch dass ich sehr gut auf meinen Körper hören kann, übernehme ich mich weder im Training noch im Wettkampf.
Um für das „Race across the alps“ wieder fit zu sein, muss ich mich sicher länger auskurieren, aber ich weiß dass ich auch dort wieder eine gute Figur abgeben werde.