Heuer stand das „Race Across The Alps“, das härteste Eintagesrennen der Welt über 525km und 13650hm für mich unter einem besonderem Stern:

Meine Erwartungen habe ich höher geschraubt, schließlich will ich einmal ganz hoch hinaus, und trainiere dafür auch dementsprechend. 
Aber das besondere war, dass einer meiner besten Freunde auch am Start stand. Mein gleichaltriger Trainingskollege Daniel Hufnagel, erfolgreicher Elite – Rennfahrer und Querfeldein – Staatsmeister aus früheren Jahren, nahm die große Herausforderung an. 

Unser Plan war zumindest bis zum Mortirolo zusammenzubleiben, und dann spontan zu entscheiden ob wir gemeinsam weiterfahren oder uns trennen.
Die Anreise, das Abendessen und der Morgen vor dem Start erinnerten mehr an eine Urlaubsfahrt als an ein ernstes Radrennen, aber unser Grundsatz ist dass der Spaß an erster Stelle steht. Dadurch bleiben der Kopf frei und die Beine locker.


Das Wetter war wieder einmal herrlich regnerisch, aber recht warm und ohne Wind. Um es gleich vorwegzunehmen: Der Regen hörte erst nach 20 Stunden auf und bescherte uns gefährliche, rutschige und neblige Abfahrten.
Vor dem Start gab es wie immer gar keine Hektik, aber gewisse Turbulenzen gab es trotzdem (ebenfalls wie immer). Mein Team war noch schnell einkaufen, wartete aber an der Wurst-Theke eine kleine Ewigkeit, weil vor uns andere Teilnehmer 20 Wurstsemmeln verlangten, was die nette Dame hinter der Vitrine etwas überforderte. Außerdem musste meine vergessene Regenjacke noch aus dem Hotelzimmer geholt werden.
Inzwischen erfolgte der Start, bei dem sich 28 harte Jungs in ein verregnetes RATA wagten. Nach der neutralisierten Anfangsphase wurde am Fusse des Stilfserjochs der Start freigegeben. Das Feld zerriss sehr schnell, nur kleine Gruppen blieben zusammen.
Dani und ich waren um den 20. Platz klassiert, als wir uns die erste Abfahrt hinunterwarfen. Wir hielten unser Tempo stets konstant hoch, und konnten bald andere Fahrer überholen, die bereits langsamer wurden.


Der steilste Anstieg im Rennen, der gefürchtete Mortirolo, wurde uns auch nicht zum Verhängnis, da wir recht gemächlich raufkletterten. Unsere Betreuer waren immer bei uns und feuerten uns euphorisch an. Kerstin und Maria versorgten uns aus dem vorderen Auto durch die offene Heckklappe mit Getränken, ein paar Süßigkeiten und lauter Musik. Hinter uns ließen Johnny, Schöni und Lieschi durch dichtes Auffahren keine Schwäche zu. Alle drei (!!) hingen aus den Seitenfenstern und schrieen, filmten und lachten. Ob währenddessen ein Ziegelstein der Pilot war will ich gar nicht wissen. Möglicherweise rangen sie auch nur nach frischer Luft, denn so ein Sitzpolster kann ganz üble Gerüche speichern, und die verschwitzten Trikots die am Gebläse getrocknet wurden, taten ihr übriges. Als wir den zwischendurch bis zu 20% steilen Anstieg gemeistert hatten, erreichten wir oben den Checkpoint und machten uns für die hereinbrechende Nacht bereit. Wir sahen, dass einige Fahrer schon aufgegeben hatten, mit darunter unser Freund Jochen Lehmann. Unsere Stirnlampen machten die Nacht zum Tag, und die nasse Abfahrt zu einem Erlebnis der besonderen Art. Mein Hinterrad besuchte mich einmal vorne, aber es ging sich noch aus, dass ich aussteuerte und nicht stürzte.


Der nächste Anstieg nach Aprica war ein einfacher, auch die Abfahrt war wieder herrlich. Wir überholten wie immer einige Autos (deren Besitzer deswegen manchmal die Nerven wegwarfen und uns am liebsten eine mitgeben würden), und schlossen im anschließenden Flachstück zu drei Konkurrenten auf. Zu fünft erreichten wir die Grenze in die Schweiz, bevor bergauf wieder jeder sein eigenes Tempo ging. Der längste Anstieg auf den Bernina-Pass beanspruchte uns für 2:45h, doch wir ließen unsere Konkurrenten alt aussehen (mittlerweile sah sowieso jeder älter aus). Auch ein Synchron-Sturz über die Gleise des Bernina-Express (diese Schmalspurbahn kreuzt die Straße einige male in einem gefährlichen Winkel) konnte uns nicht aufhalten. In der Nacht erlebten wir eine besonders starke Phase, die anhielt bis wir uns im Morgengrauen in der Anfahrt nach Davos wieder fanden. Müdigkeit quälte uns beide.
Es war schon erstaunlich, dass wir noch immer zusammen fuhren, und genau das war das Geheimnis des Erfolgs: Keiner von uns erlebte je ein Tief, denn wir bauten uns gegenseitig auf und motivierten uns. Auch die Phase der Müdigkeit ging so bald vorüber, und wir fuhren mit einem guten Druck am Pedal weiter. In einer sehr schnellen Abfahrt vom Flüela-Pass schlossen wir auf den Fünften auf. Nun begann die Schlussphase und somit der Kampf um die Plätze. Gleich zu Beginn des Ofenpasses erhöhten wir unser Tempo und zogen an Norbert Gasser vorbei. 

In unserer Euphorie glaubten wir uns schon sicher vorne, doch dann die Pechsträhne.
Meine Kette war kaputt und musste gewechselt werden. Gasser zog währenddessen wieder vorbei, ließ aber sein zweites Betreuerauto bei uns um uns zu beobachten. Mit Funkgeräten ausgestattet informierten ihn seine Spione. So mussten sie ihm funken, dass sein Vorsprung am vorletzten Pass, dem Umbrailpass, von fünf auf eine Minute schmolz. Doch leider hatten wir uns bei der Aufholjagd etwas übernommen und konnten nicht mehr an ihn herankommen. Wir resignierten und genossen die ersten Strahlen des so beliebten aber viel zu selten gesehenen Himmelskörpers. Am Reschenpass wehte ein brutaler Gegenwind, der uns fast zur Verzweiflung trieb. Als der letzte Anstieg überwunden schien, brach Dani sein hinterer Umwerfer. Da wir kein Ersatzrad hatten, war die Verzweiflung groß. Wir suchten das verlorene Zahnrad, als wir aber nichts fanden, machte er sich schon bereit die letzten 15km ins Ziel zu laufen. Doch die Spioncrew, die schon unseren Missmut erregt hatte, war so nett und borgte uns deren Ersatzrad. Herzlichen Dank!!

Nach 25:54 Stunden erreichten wir das Ziel und freuten uns über den geteilten sechsten Platz.

Paul Lindner gewann vor Wolfgang Fasching, auch die übrigen Fahrer auf den ersten Rängen waren alles Österreicher.

„Da sieht ma, wos wir Österreicher für Naturburschen san“, erklärten wir überglücklich den Veranstaltern beim Interview.

Warum erging es uns so gut? Diese Frage stellte ich mir selbst oft. Die Tatsache, immer einen besten Kumpel zur Seite zu haben ist sicher der Hauptgrund. Man kommt nie auf negative Gedanken und motiviert sich immer gegenseitig. Außerdem hatten wir zwei Betreuerautos, und wir alle arbeiteten wie ein großes Team zusammen. So waren wir viel flexibler. Wir nahmen uns auch selbst nie zu ernst, der Schmäh lief einfach. Und schließlich profitierten wir bei Abfahrten von unserem Mut zum Risiko und bei Flachstücken vom (erlaubten) Windschattenfahren.

Danke an unsere Betreuer und an das Team von Norbert für das Borgen des Ersatzrades.