Als
ich im Februar auf Trainingslager in Lanzarote war, begann alles mit einem
harmlosen email…
Ich
überlegte schon lange wie ich diese Saison angehen sollte und ob ich mich schon
an einen richtig großen Brocken heranwagen sollte. Ich dachte an den
Glocknerman und das RATA. Nun wollte ich mich bei dem Veranstalter vom RATA
erkundigen, was denn die geforderten Langstreckenerfolge seien, woraufhin er
mich gleich einlud teilzunehmen, nachdem ich von meinem dritten Platz in
Fohnsdorf 2004 berichtete. Na ja, versuchen könnte ich es ja…
Also stand ich am 8. Juli 2005 am Start in Nauders am Reschenpass und blickte
mit mulmigen Gefühl auf das road-book und den stark bewölkten Himmel. Der
Wetterbericht war für die kommenden Tage alles anders als sonnig. Wir stellten
uns total auf Regen ein, aber zur Zeit war es recht angenehm und vor allem
trocken. Mein Team und ich waren voll motiviert, ich vor allem deswegen weil
Prokop Manfred mir das Sie-Wort angeboten hat, falls ich dieses Rennen überstehe!
Zu meinen tollen Helfern gehören Elite Rennfahrer „Johnny-low-fat“, mein
Homey „Schroll the Trucker“ und Ernährungswissenschaftler „Helldriver-Schöni“.
Der Start verlief neutralisiert in gemütlichem Tempo bis zur Anfahrt zum Stilfserjoch. In Prad wurde dann also der Start freigegeben, wo sehr viele gleich in einem „dummen“ Tempo begannen den Berg mit seinen 48 Kehren auf 1800hm hinaufzurasen. Teilweise kamen mir schon manche noch im gleichen Anstieg wieder entgegen, und fielen überanstrengt zurück. Ich fuhr in mittlerem Tempo auf die Passhöhe und ohne Pause gleich in die spektakuläre und gefährliche Abfahrt nach Bormio. Dort kam kurz vor mir ein Slowene zu Sturz und musste verletzt ausscheiden. Direkt in Bormio begann der zweite Anstieg auf den Passo Gavia, der sich zuerst bis S. Catharina zieht und dann steil wird. Kurz vor der Passhöhe verschlechterte sich das Wetter und es begann sogar zu schneien. Glücklicherweise war auf der gefährlichen Abfahrt mit ungesicherten Kurven und einem langen, unbeleuchteten Tunnel das Schlechtwetter hinter uns geblieben. In gutem Rhythmus und stets super versorgt zog ich über den flacheren Aprica (der ist echt sehr einfach zu fahren), bis zum Fuße des berüchtigten Mortirolo.
Vor dem hatte ich ein klein wenig Schiss, denn man hört ja immer nur wie extrem steil der ist, und dass die meisten sich dort überanstrengen und bald aufgeben. Bei meiner Streckenbesichtigung vor drei Wochen, einem viertägigen Trainingslager mit Stützpunkt am Stilfserjoch, wollte ich den Mortirolo schon besichtigen, verfuhr mich aber und nahm eine falsche Strasse. Ich hatte also einen großen Unbekannten vor mir. Sehr vorsichtig mit einer Übersetzung von 30-23 tastete ich mich an den Anstieg heran. In dem Tempo war das alles viel einfacher als ich dachte, und ohne dass ich mich wesentlich über meine aerobe Schwelle hinausbewegen musste, kurbelte ich mich hinauf. Der Italiener vor mir, den ich vorher im Flachstück einholte, sah aus wie ein sterbender Schwan auf seinem Rad, und ich glaubte nie und nimmer, dass er es noch ins Ziel schaffte. Der Einfachheit halber nenne ich ihn aufgrund seines sehr ausgeprägten Unterkiefers ab jetzt nur mehr „die Lippe“, sein eigentlicher Name ist Lorenzo Breda und ich werde mit ihm noch einiges zu tun haben. Nach genau 9.25h Fahrzeit war ich am Gipfel, und nutzte die Dämmerung um mich noch ohne aufwändiges Licht die Abfahrt runterzulassen. Diese Abfahrt war der grund, warum Schöni ab jetzt zum Helldriver aufstieg: Er raste fast halsbrecherisch an meinem Hinterrad ins Tal, sodass ich das zweite mal auf den Aprica im Lichtkegel meines Autos fahren konnte. Auf der Passhöhe überholte ich zwei Fahrer, die Lippe und Jonny Kämpfe. Ich zog richtig an ihnen vorbei, und ging voll motibiert und wieder ohne stehenzubleiben in die Abfahrt. Wir riskierten hier einiges, denn wir fuhren ohne starkem Licht am Rad, mit dem Betreuerauto direkt hinter mir ins Tal. Meine Betreuer mussten immer direkt hinter mir sein!
Die
Abfahrt war die schönste des ganzen Rennens: die Lichter der Städte und der
beleuchteten Strassen srahlten aus dem Tal zu uns herauf, und über uns wurde
der Himmel immerdunkler und klarer.
Nach dem Flachstück nach Tirano mussten wir links Richtung Schweiz abbiegen und
den Bernina-Pass angehen. Bald folgte ein Flachstück entlang des
Poschiavo-Stausees, bevor es dann richtig zu steigen begann. Der Himmel war
mittlerweile sternenklar, und Musik begleitete mich nun aus meinem mp3-player.
Jonas Goldbaum sang Sternenparties, ein herrlich passendes, fast schon
kitschiges Lied.
Der Berninapass ist ewig lange, der längste im ganzen Rennen, er zog sich wie
Pizzakäse… Vor allem aufgrund der Finsternis war es so schwierig, weil man
nicht sehen konnte, wie weit man noch hinauf muss. Meter für Meter vorarbeiten!
Ich
musste meine mentale Stärke einsetzen, um nicht die Motivation zu verlieren.
Ich dachte immer nur: der Berg ist dein Freund und er gestattet es dir auf ihn
hinaufzusteigen.
Mit diesen Gedanken, kletterte ich weiter, bis ich vor mir bald die Lichter von
anderen Fahrern sah. Auf der Passhöhe hatte ich nach fast 3-stündiger Auffahrt
jemanden eingeholt: es war erstaunlicherweise die Lippe!
Wie kann man jemanden zweimal überholen, ohne dazwischen von ihm überholt
worden zu sein? Später kam heraus, dass er ein Stück abgekürzt hat, und sich
somit ein 10km Flachstück erspart hat…
Am Bernina war es wieder sehr kalt, und ich musste mich warm anziehen und davor eine heiße Nudelsuppe essen. Ich fuhr gemeinsam mit der Lippe ab, bis wir den Anstieg zum Albula erreichten. Dort war ich noch immer sehr stark, und ließ ihn hinter mir. Der Pass lag mir, mit seiner Gleichmäßigkeit kam ich super zurecht, und ich war auch bald oben. Wiederum fuhr ich ohne Pause weiter, und konnte so noch einen Mitstreiter überholen.
Die Abfahrt vom Albula Richtung Filisur führte direkt in die Flanke eines auf der Strasse spazierenden Hirsches. Der Waldbewohner konnte im letzten Moment gerade noch flüchten, sodass ich und das Auto knapp einem Crash entgingen und mit dem Schrecken davonkamen
Bislang war meine Fahrt ein einziges Hoch, alles klappte wunderbar und ich fuhr zügig und ohne Krisen. Das berühmte Tief ließ noch immer auf sich warten. Doch ich machte dann einen blöden Fehler, womit ich mich selber in ein scheußliches Tief ritt. Ich aß Kartoffelbrei, eine an und für sich gute Sache, es ist leicht verdaulich und wirkt basisch. Leider war der meinige schon schlecht geworden, und so bekam ich Minuten später Magenkrämpfe und musste fast kotzen. Meine Verdauung funktionierte gar nicht mehr, und so konnte ich auch nichts mehr essen und trinken. Die Krise war perfekt. In den verbleibenden acht Stunden sollte ich gerade noch eine Banane und zwei Scheiben Toastbrot hinunterkriegen.
Die Anfahrt zum Flüela bestritt ich gemeinsam mit Rainer Popp, der mich einholte, nachdem ich ihn bei einer Pause überholt hatte. Doch als es auf den Pass zu steigen begann ließ ich ihn ziehen und pendelte mich auf Schneckentempo ein. Durchfall würde auch nicht lange auf sich warten lassen, es ging mir „beschissen“. Als ich nach langem Kampf in der Morgensonne den Flüela erreichte, legten wir eine Pause ein. Die erste wirkliche Pause nach 19.30h wohlgemerkt; Ich brauchte 50min und einige Schwarztees um meine Darmflora wieder zu beruhigen. Am WC während einer Erleichterung schlief ich auch kurz für zwei Minuten ein.
Inzwischen überholte mich die Lippe ein letztes mal, diesmal aber fair.
Ich erfing mich von der Krise zwar nicht mehr, aber es war erträglich, und so konnte ich weiterfahren. Die Abfahrt ging ich sehr vorsichtig an, und auch den nächsten Anstieg zum Ofenpass fuhr ich sehr langsam. Einerseits wollte ich nicht schneller, um einen kompletten Einbruch zu vermeiden, andererseits konnte ich aufgrund der Unterversorgung nicht schneller. Das Ende war nicht mehr sehr aufregend: Im Schneckentempo fuhr ich die restliche Strecke, teilweise über Schotter und zwischen einer Kuhherde auf den Umbrailpass zum Stilfserjoch, und von dort nach ein paar Bissen Bratwurst nach Prad. Dieser Snack gab mir komischerweise sehr viel Kraft, und so konnte ich am Reschenpass noch einmal richtig schnell fahren.
Ich habe es also geschafft, das schwerste Eintagesrennen der Welt in der Karenzzeit zu absolvieren. Was mir aber noch viel wichtiger ist, Manfred Prokop wird jetzt wieder Sie zu mir sagen dürfen…
Mit
27.32h Fahrzeit belegte ich als bisher jüngster Teilnehmer (22J.) mit Rang 14
einen Platz in der vorderen Hälfte des Klassements. Von 42 Gestarteten kamen 27
ins Ziel, wobei die Karenzzeit 32h betrug. Sieger wurde der überragende Daniel
Wyss, der auch den Glocknerman für sich entschied.

Die Stimmung im Ziel war angenehm und eher ruhig, auch ich war ganz gefasst. Ich war einfach froh, dass ich im Ziel war. Vorher am Anstieg zum Umbrail war ich so gerührt, dass es mir vor Glück fast die Tränen herausdrückte. Die Übermüdung und die Anstrengung und vor allem das Wissen, dass man es quasi schon geschafft hat, lassen so einen Gefühlsausbruch zu.
Ich möchte mich nochmals bei meinen drei Freunden bedanken, die mir eine unglaublich große Hilfe waren, und bei meinem Teamkollegen Otto Nussbaumer, der mir vor dem Rennen großzügigerweise seine Halogenlampe geschenkt hat. Leider konnte Otto aufgrund von Magenbeschwerden nicht bis ins Ziel kommen.
Weitere Informationen und Bilder gibt’s unter www.raceacrossthealps.com